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Texte

VARIATIONS ON A SONG

Zur Entstehung von "Variations on a Song"
by Oscar Levant (music) and Edward Heyman (lyrics)
("Blame it on my Youth")
for keyboard

Die Vorgeschichte

Die selbstauferlegte Isolation während des shutdown in der Corona-Pandemie 2020 - 2022 war auch eine - wenn auch erzwungene - Phase der Kreativität. Dazu gehörte eine intensive Beschäftigung mit den musikalischen Angeboten des YouTube Kanals.

Nachdem ich mit meinen " 3 Stücke für Klavier" meine musikalische Trauerarbeit auf den Tod meiner Frau beendet hatte, kehrte ich nunmehr fast täglich zu dem YouTube-Kanal zurück.
Dabei stieß ich auf ein Proben-Video von der sehr jungen spanisch-catalanischen Sängerin und Posaunistin aus Barcelona Rita Payés, die, von Davis Whitfield am Klavier begleitet, einen Song von Oscar Levant sang und darüber auf der Posaune improvisierte: "Blame it on my Youth".

Als Posaunist wollte ich als erstes mehr über Rita erfahren und lernte nach und nach das musikalische Umfeld, in dem sich die junge Dame bewegte, näher kennen und schätzen. In der städtischen Musikschule des Stadtteils Sant Andreu von Barcelona gab es unter der Leitung des temperamentvollen Joan Chamorro eine Jazz Band in klassischer Big Band Formation von Musikschülern-und Schülerinnen von ungewöhnlicher Qualität. Es waren Jugendliche zwischen 8 bis 18 Jahren, die sangen und/ oder auf ihren Instrumenten stil- und intonationssicher improvisierten. Als Vorlagen dienten ihnen überwiegend Titel aus der Swing- bis Hardbop Era, Songs aus dem "Great American Songbook" sowie die lateinamerikanische Musik.

Dazu gehörte auch der Song "Blame it on my Youth", 1934 komponiert von dem Schönberg Schüler, Konzertpianisten und Schauspieler Oscar Levant und getextet von dem Musical-Librettisten Edward Heyman.

Der Song

Es war vor allem der Text, der mich ansprach. Ich mochte die lapidar formulierte poetische Kraft, die den Seelenzustand eines liebenden jungen Menschen im Rückblick beschreibt.
Der Rückblick besteht in einer Aufzählung von auf Illusionen gebauten Fehleinschätzungen der Liebe. Die Einsicht, daß die Realität etwas ganz anderes ist, ist ein mit Tränen verbundener Vorgang des Aufwachens. Hier kommt etwas hinzu, was in dem Songtext nur ein einziges Mal benannt wird, obwohl es bei allen Fehleinschätzungen wie ein Steuermann unserer Gefühle maßgeblich beteiligt ist: unser Herz. Allerdings wäre es unfair, diesem Herz den Irrtum der Liebe zu unterstellen. Mit der Bitte "Don't blame it on my heart, blame it on my youth." ("Schieb es nicht auf mein Herz, schieb es auf meine Jugend.") endet der Songtext.

Oscar Levants Musik ist von ansprechender Einfachheit, aber zu lang für eine Vorlage für Variationen im klassischen Sinne. Als Vorlage für Jazzimprovisationen ist sie ideal, wie Beispiele des Gitarristen Martin Taylor als Begleiter von Jamie Cullum, Kontrabassist Gary Peacock im Trio des Pianisten Keith Jarret, aber vor allem Trompeter Art Farmer und Pianist Brad Meldau zeigen.

Der Text prägt meine musikalische Anlage. Die Variationen sind keine klassischen, in der die musikalische Vorlage allen möglichen Veränderungen unterworfen wird. Es sind vielmehr musikalische Ausdeutungen der textlichen Inhalte, wie sie uns von einem Charakterstück her geläufig sind. Deshalb erhält jede Variation als Motto die Anfangszeile des Textes.

Ein Beispiel: Das Motto der ersten Variation enthält den Text "If I expected love when first we kissed" ("Falls ich Liebe erwartete, als wir uns zum ersten Mal küßten"). Die folgende Musik ist eine auf dem Jazz-waltz beruhende tänzerisch schwärmerisch-ausschweifende Musik.

Ein weiteres Beispiel: Das Motto der vierten Variation enthält "If you were on my mind all night and day" ("Falls Du Tag und Nacht in meinem Kopf warst") und beruht musikalisch auf der Chaconne-Form, also jener Form, in der eine Bassfigur immer wiederkehrt wie ein bohrender Gedanke, den man nicht los wird.

Neben der Vielzahl von Erfindungen gibt es ein weiteres musikalisches Motiv, welches am Ende jeder Variation in verschiedenen Gestalten auftaucht und beharrend an etwas gemahnt, was ich als "Herz-Motiv" bezeichnen würde. Von Veränderung zu Veränderung drängt es sich in den Vordergrund, um schließlich zur Introduktion zu werden für das am Ende erklingende Original von Oscar Levant.

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