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BACKGROUND

Im Scheitelpunkt der Komposition erscheint zum ersten und einzigen Male ein Zitat von Gustav Mahler (X. Sinfonie, Adagio, Takt 206) in seiner Vollständigkeit. Von Anfang an wird dieser Takt auf- und nach Erreichen des Scheitelpunkts in der gleichen schematischen Weise wieder abgebaut.

Dieses kompositorische Verfahren wäre mit jedem anderen "alten Meister" möglich, dem man seine Reverenz erweisen möchte, der Hinweis auf Mahler liegt im Verfahren selbst: Nähe und Ferne zu komponieren in der vergehenden Zeit.

Räumliches Hören ist abhängig von unserer Wahrnehmungsfähigkeit, denn sie bestimmt den Grad der Nähe und Ferne von Klängen. Sie plaziert die Klänge im Raum. Der am weitesten entfernteeste Klang ist gleichzeitig auch der, den wir am unschärfsten wahrnehmen. Unsere Unsicherheit bei der Wahrnehmnung von Klängen löst in uns das Empfinden von backgrounds aus. Und da uns die Zeit des beobachtenden Hörens fehlt, um eine Korrektur der Unschärfe vorzunehmen, - Klänge "frieren" nicht fest, sondern dauern an und ändern sich und stellen uns vor neue Proben der Wahrnehmungsfähigkeit -   empfinden wir den background auch als zeitliche Dimension. Das Entfernte ist auch das soeben Gewesene (War es überhaupt Gegenwart?) und das Nahe, über das es keinen Irrtum bei der Erkennung gibt, ein Moment von Gegenwart, der sich sogleich verflüchtigt.

Vor dem Hintergrund des aus Clusterbildungen "aufsteigenden" Mahlertaktes 206 erklingt eine Musik, die mit sich selbst permanent backgrounds bildet. Sie entstehen einmal durch dynamische Verdeckung (ein pppp-gespielter Ton klingt zu einem gleichzeitig im p gespielten Ton weit weg) sowie durch zwei unterschiedliche Arten der Tonerzeugung, die sich gegenseitig verdecken. Der senza vibrato gespielte Ton ist der background zum gleichzeitig con vibrato gespielten Ton. Insgesamt entsteht der klangliche Eindruck einer auf einem alten 2-Spurgerät im multiplay-Verfahren mit vielen Zwischenabmischungen erzeugten Musik: tiefgestaffelte backgrounds, die sich in diesem Fall nicht im weißen Rauschen, sondern in den Clustern verlieren.

Background-Bildung entsteht weiterhin dadurch, daß das klanglich Angebotene von einer gewissen Unfertigkeit einer sinnvollen Gestalt ist. Das Fragmentarische verhindert ihre Intentionalität, die sie als Figur vor dem background ausweisen würde. Die mangelnde Ordnung, die in ihr steckt, macht es uns schwer, sie vor dem gewaltigen Hintergrund der ungeordneten Cluster herauszufiltern.

Das Wahrnehmen von sinnvollen Gestalten wird letztendlich dadurch erschwert, daß die gesamte Dynamik (bis auf eine Ausnahme: das zusammengesetzte Zitat Takt 206) sich vom pppp bis p erstreckt, solche "tiefen" Instrumente wie Altflöte, Bassflöte, A-Klarinette, Bassklarinette, Bratsche, 2 Celli, Kontrabass und mit Paukenschlegeln gespielte Flügelsaiten verwendet werden und der Tonumfang vom Subkontra-A bis zum g1 reicht.

Die Musik ist nur auf den ersten Blick statisch. Sie enthält eine Bewegtheit der sich wechselnden backgrounds, in der die dynamischen Verdeckungen und unsere andauernde Unsicherheit der Wahrnehmung gleichsam Prozesse von Überblendungen sind. Das Tempo dieser Prozesse ist langsam und enthält etliche ritardierende Momente. Es ist eine Musik, die eher im Begriff ist zu gehen, als daß sie wirklich geht.

In gewisser Weise ist "Background" ein work in progress. Das Verdeckte und Unfertige des 1. Teils vor dem Scheitelpunkt des Zitats Takt 206 wird im 2. Teil dynamisch angehoben und als fertig komponierte Gestalt vorgestellt. Das Verhältnis von Figur zu Hintergrund enthält mehr Trennschärfe, was die (Wieder)-Erkennung erleichtert. Die Figuren werden aus ihrer Starrheit befreit und zu lebendigen, mit individuellem Vibrato vorgetragenen Gestalten. Musikzeichen wie Legatobögen, Akzente, Tenutozeichen, Hinweise wie dolce, espressivo, cantabile, "wie ein Ruf", "wie fernes Glockenläuten", "wie eine Fanfare" usw. werden eingesetzt, um dieser Reprise ganz besonderer Art Deutlichkeit zu geben. Das Wahrnehmnungserlebnis ist ein anderes als das im 1. Teil. Wir empfinden Wiederholung dergestalt, daß wir etwas hören, von dem wir glauben, es irgendwann und irgendwo schon einmal gehört zu haben. Und gleichzeitig nehmen wir es zum ersten und einzigen Male wahr.

Die Teilnahme des Zuhörers an dem work in progress ist ein von Erinnerungen durchdrungenes Hören. Der Rückkoppelung auf das Vorfabrizierte im 1. Teil kommt größte Bedeutung zu, denn jetzt "erfüllt" sich erst die Komposition. Auch in diesem Sinne ist "Background" kein statisches Stück.

Die Rekonstruktion vergangener Klanggestalten sowie ihre Fertigstellung gleicht einem Erinnerungsprozess, wie ein Zurückhören in der Zeit. Der background als Sinnträger räumlicher und zeitlicher Ferne ändert seinen Sinn. In der Erinnerung wird er Nähe und Gegenwart und weist darüber hinaus.

(Programmhinweis zur Uraufführung 1989 anläßlich des Gustav Mahler-Fest in Hamburg)

Mehr Infos: ENSEMBLE "Background"




 
       
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